Gastbeitrag von Niko Rittenau: Algen, Hoffnungsträger der Welternährung

Gastbeitrag von Niko Rittenau: Algen, Hoffnungsträger der Welternährung


Heute gibt es einen ganz besonderen Blogbeitrag: Unser geschätzter KULAU Freund Niko Rittenau hat sich für uns die Zeit genommen und 1, 2 Sätze zum Thema Algen als Nahrungsmittel der Zukunft geschrieben. Als studierter Ernährungsberater mit Fokus auf pflanzliche Ernährung erklärt er welche vielen Vorteile der Algen-Verzehr mit sich bringt und gibt gute Tipps, wie man das Meeresgemüse in seinen täglichen Speiseplan integrieren kann. Wir können euch nur wärmstens empfehlen sein Ernährungsseminar zu besuchen, welches von den Teilnehmern nachträglich stets sehr gelobt wird. Einige freie Plätze gibt’s noch im Mai und Juli oder auch später im Jahr. Doch nun überlassen wir Niko selbst das Wort…

Eine frisch geerntete dunkelgrüne Alge in einer Hand am Felsstrand.

Alleskönner Algen – Vom unterschätzten Nährstofflieferanten zum Hoffnungsträger der Welternährung

Das Thema „Algen“ ist sprichwörtlich in aller Munde. Denn in etwa 70 % aller industriell verarbeiteten Lebensmittel finden wir bestimmte Bestandteile von ihnen. Aber nicht nur in Industrieprodukten, sondern vor allem in der pflanzlichen Vollwertküche spielen sie eine immer relevantere Rolle zur Deckung sogenannter „kritischer“ Nährstoffe wie Vitamin B12, langkettiger Omega-3-Fettsäuren, Kalzium, Jod und Eisen, um nur einige zu nennen. Denn viele von den Inhaltsstoffen, von denen man bisher dachte, dass man sie ausschließlich in tierischen Produkten finden würde, findet man ebenso in einigen Algen. Die relevantesten davon möchte ich mit dir in diesem Artikel besprechen.

Für jeden am Thema interessierten Menschen bietet das Buch „Algen“ von Jörg Ullmann und Kirstin Knufmann viele interessante Eindrücke. Dort erfährt man viel Wissenswertes, wie beispielsweise, dass jedes zweite Sauerstoffmolekül, das wir einatmen, von Algen gebildet wurde. Vor allem unter dem Aspekt der wachsenden Bevölkerungszahl, die 2050 knapp 10 Milliarden betragen soll, sollten wir uns dringend überlegen, ob wir die 70 % der Erdoberfläche, die von Wasser bedeckt sind, nicht etwas effektiver nutzen möchten. Immerhin wachsen viele Algenarten 10 bis 30 Mal schneller als Landpflanzen, sind in den meisten Fällen wesentlich proteinreicher und müssen natürlich auch nicht bewässert werden. Je nach Algenart können diese als Zutat in Gerichten verwendet werden, die weniger Salz und dafür mehr „Umami“ enthalten sollen, da einige Arten wie die Kombu-Alge reich an der sogenannten Glutaminsäure sind. Umami bezeichnet als fünfte Geschmacksrichtung diesen wunderbar deftigen Wohlfühlgeschmack, den viele Menschen mit Fleisch in Verbindung bringen. Aber auch als Bindemittel zum cholesterinfreien Backen ohne Ei sind einige fermentierte Chlorellaalgen bestens geeignet, die nicht nur ein besseres Fettsäurespektrum als das Hühnerei aufweist, sondern auch immer salmonellenfrei ist.
Bereits jetzt kennen wir laut Algenexperte Jörg Ullmann bereits über 30.000 unterschiedliche Algenarten und der Biologe geht davon aus, dass etwa zehn Mal mehr Arten noch unentdeckt sind. Obwohl man bei Algen kaum von einer homogenen Gruppe sprechen kann, benutzte ich nachfolgend das Wort Alge als Synonym für alle Arten von Grün-, Blau- und Braunalgen. Denn manche Arten wie Grünalgen sind tatsächlich echte Pflanzen, während Blaualgen Bakterien sind. Aber sie alle wachsen im Wasser und betreiben Photosynthese und von daher werfe ich aus Gründen der Einfachheit für heute alle in eine Kategorie. Ich empfehle ganz klar jeden Tag Algen zu verzehren. Und zwar am besten gleich mehrere unterschiedliche, denn jede von ihnen bietet andere Vorzüge.

Leckere Gerichte aus frischen Algen auf einem Holztisch angerichtet.

Welche Algen esse ich mehr oder weniger täglich?

Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, mir täglich zirka eine Messerspitze von zuvor im Mixer zermahlenem Wakamepulver unter ein beliebiges deftiges Gericht zu rühren. Die Braunalge Wakame riecht erstmals recht streng nach Meer, schmeckt aber weitaus weniger intensiv und so merkt man diese Messerspitze voll Wakamepulver in einer Tomatensauce beispielsweise gar nicht mehr. Ich mag die Wakame vor allem deshalb, weil sie die genau richtige Menge an Jod enthält, nicht zu viel und nicht wenig, und so deckt bereits diese Messerspitze ein gutes Drittel meines täglichen Jodbedarfs. Aber auch im Ganzen genossen passt sie super als Einlage in Suppen oder als Wakamesalat. Warum ich mir die Arbeit antue und Wakamepulver selbst mache, anstatt einfach Jodsalz zu kaufen? Zum einen wird das natürlich vorkommende Jod in der Alge aus der intakten Lebensmittelmatrix nur schrittweise und daher sanfter aufgenommen und zum anderen enthält Wakame neben Jod auch noch jede Menge andere Mineralien und einige Vitamine der B-Gruppe. Ganze Lebensmittel sind immer besser als deren isolierte Inhaltsstoffe.

Wann immer ich einen schönen Snack für unterwegs mache, wickle ich diesen in Noriblätter ein. Die Rotalge Nori hat in meinen Augen nicht nur einen unglaublich leckeren Geschmack, sondern eignet sich auch wunderbar als kalorienarmer Wrap, in den man Sushireis wickeln und eigene Onigiris machen kann, oder auch jede andere Gemüsefüllung geben kann. Da der Jodgehalt von Noriblättern nicht so hoch ist wie von Wakame, kann man bedenkenlos täglich bis zu 3 ganze Blätter essen. An Tagen, an denen ich das tatsächlich in dieser Menge tue, verwende ich keine Wakame. Noriflocken lassen sich außerdem gut als Würzmittel für verschiedenste Zwecke verwenden, weil auch sie passable Mengen an Glutaminsäure enthalten und so einen leichten
Umami-Geschmack ins Essen bringen. Auch sie enthalten darüber hinaus ähnliche Mineralstoffe und Vitamine wie die Wakame, was auch Nori zu einem wertvollen Lebensmittel macht.

Bild von selbstgemachtem Nori-Aufstrich mit Tofu, Zitrone und Koriander.

Sowohl als Pulver als auch als Presslinge gibt es die Chlorella, von der ich täglich 3-4 g nehme. Neben ihrem recht hohen Eisengehalt zeigen mehr und mehr Untersuchungen außerdem, dass die Chlorella darüber hinaus eine der wenigen aktiven, bioverfügbaren Quellen für pflanzliches Vitamin B12 sein könnte. Die Studienlage ist noch zu dünn, um definitive Aussagen zu tätigen, aber einige der Studien scheinen vielversprechend zu sein. Sollten sich die Beweise verdichten, dass Chlorella aktives B12 enthält, wäre das meine definitive Empfehlung zur Deckung des Tagesbedarfs. Denn wie auch beim Jod würde ich immer ein ganzes Lebensmittel bevorzugen, da dieses weitaus mehr als nur den einen isolierten Inhaltstoff enthält, für den man ein Supplement
normalerweis einnimmt. Vereinzelt findet man auch jetzt schon Firmen, die bereits Laborergebnisse vorweisen können, die den Gehalt an aktivem Methylcobalamin (aktives B12) in ihrer Chlorella auch mit Messergebnissen belegen können.

Eine recht unbekannte aber sehr spannende Neuentdeckung der letzten Jahre ist sogenannte Lithothamnium Calcareum, die ich ebenfalls täglich in mein morgendliches Müsli rühre. Auch wenn man noch nie von ihr gehört hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man sie unwissentlich trotzdem schon mal getrunken hat. Sie ist nämlich dafür verantwortlich, dass biologische Pflanzendrinks wie Reismilch, die mit der Bezeichnung „+Kalzium“ gekennzeichnet sind, so kalziumreich sind. Da diese Kalkalge beinahe geruchs- und geschmacklos ist, lässt sie sich ideal überall untermischen und gibt damit eine Extraportion Kalzium. Die ursprünglich rote Alge wird während dem Trocknungsprozess weiß und wird gemahlen als Pulver angeboten. Sie ist dabei so sagenhaft reich an Kalzium, dass sie auf 100 g über 30.000 mg Kalzium enthält. Daher reichen bereits etwa 3 g aus, um den kompletten Tagesbedarf in Höhe von 1000 mg zu decken. Außerdem enthält sie zusätzlich noch nicht zu verachtende Mengen an Jod, Eisen und mehr als zwei Dutzend weitere Spurenelemente. Da der Jodgehalt unterschiedlicher Lithothamnium Algen stark schwankt, sollte man sich beim Kauf erkundigen, wie hoch der Gehalt der jeweiligen Art ist, welche diese Firma verkauft.

Last but not least möchte ich dir noch eine Alge der Schizochytrium Art vorstellen, die du ebenfalls kennst, wenn du schon mal eine pflanzliche Alternative zu Fischölkapseln gesehen hast. Diese Omega-3-haltigen Algen liefern jene für den Körper relevanten langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA, die man normalerweise eher mit Fischen wie Lachsen in Verbindung bringen würde. Aber woher bekommen denn diese Lachse das EPA und DHA?
Kleine Fische, die sich von Algen ernähren, verzehren genau solche Algen und reichern so ihr Muskelfleisch mit EPA und DHA an. Diese wiederum werden von Raubfischen gefressen, deren
Fleisch sich im Anschluss ebenfalls damit anreichert. Warum umgeht man aber bei all den ethischen, gesundheitlichen und ökologischen Bedenken in Bezug auf Fischkonsum nicht einfach diesen Kreislauf und verzehrt direkt diese Algen? Denn man kann aus Mikroalgen der Schizochytrium Art hoch wirksame Algenöle gewinnen und diese beispielsweise mit Leinöl kombinieren, um Salatöle zu kreieren, die perfekte Lieferanten für alle relevanten Omega-3-Fettsäuren sind. Da diese Öle hitzeempfindlich sind, sollte man sie allerdings nur als Salatöle verwenden und wie mit allen Ölen generell sparsam umgehen. Alternativ gibt es dieses Algenöl auch in Kapselform.

Ich hoffe, ich konnte mit diesem kurzen Einstieg dein Interesse an diesem unglaublich spanenden Thema wecken, denn es gibt noch wesentlich mehr dazu zu erfahren! KULAU bietet eine ganze Palette an ausgefallenen Algenprodukten an, die ich dir empfehlen kann und darüber hinaus findet von 8. bis 15. Oktober 2017 der kostenlose Onlinekongress „The Plant Based Symposium“ statt, bei dem auch der Algenexperte Jörg Ullmann, sowie über zwanzig weitere internationale Ernährungsexperten zu Wort kommen. Die Onlineteilnahme ist vollkommen kostenlos und dient zur gebührenfreien Information aller Interessierten. Alle Informationen gibt es unter www.nikorittenau.com/the-plant-based-symposium

Mit besten Grüßen,
Niko Rittenau

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